Die Opel-Rennbahn
- Im Dornröschenschlaf?
- 1920 wurde in Rüsselsheim die Opelrennbahn eröffnet!
Der Automobilrennsport hat in Deutschland eine lange Tradition! Nicht erst seit DTM, Formel 1 und
Schumi lockt diese nicht immer unumstrittene Sportart die Zuschauermassen an.
Bereits um die Jahrhundertwende wurden Autowettbewerbe ausgetragen. Anfangs fanden diese Kon-
kurrenzen auf regulären Landstraßen statt, die man nicht einmal für den normalen Straßenverkehr
gesperrt hatte.
Eine erste Weg bereitende Veranstaltung
von großer internationaler Bedeutung war
die Ausrichtung des Gordon Bennett Cups
im Jahr 1904, mit Start und Ziel an der
Saalburg im Taunus. Die Teilnehmer mussten eine Strecke von knapp 130 km, auf teilweise nicht gut präparierten Straßen, 4x durchfahren
- eine Tortur für Mensch und Maschine!
Die große Zeit der „Silberpfeile“ sollte erst
noch kommen - 1934, 30 Jahre später! Dazwischen lagen der „Kaiserpreis“, die Zu-
verlässigkeitswettbewerbe der Herkomer-
Konkurrenzen, der Prinz-Heinrich-Fahrten
und der 24 Stundenfahrten im Taunus. Dabei veränderte der Automobilrennsport ganz gehörig sein Gesicht und die holperigen Landstraßenrenn-
strecken hatten allmählich ausgedient.
Die Engländer machten es vor, bereits 1907 wurde dort mit der Brooklands-Bahn die erste „richtige“ Autorennstrecke eingeweiht. Auch in Deutschland folgte man dieser Idee und plante entsprechende Rennstrecken: Der Nürburgring in der Eifel oder die AVUS in Berlin – klangvolle Namen, wenn es um die Geschichte des Automobilrennsports geht.
Diese Rennstrecken waren zwischen den beiden Weltkriegen das Ziel der Motorsportpilger. Hundert-
tausende schnüffelten bei den Duellen der Rennwagen und Motorräder den „blauen Dunst“ der nach
Äther riechenden Abgase.
Jedoch ganz vergessen ist inzwischen eine einst sehr bekannte Rennstrecke, die noch vor der Zeit von
AVUS und Nürburgring bei Renntagen tausende Zuschauer anlockte.
Bereits im Ersten Weltkrieg begannen die Opel-Werke
den Bau der „Opel Renn-
und Versuchsbahn“, am Schönauer Hof zwischen Rüsselsheim und Trebur
und am 24. Oktober 1920
lud der Hessische Auto-
mobilclub und der Wies-
badener AC mit einem
„kombinierten Wettbewerb
für Automobile“, zur
Einweihung der Strecke ein.
Das 1,5 km lange Betonoval
war zwar ursprünglich mehr als Versuchs- und Einfahrbahn der Opel-Werke konzipiert worden, nun stellte die Strecke ihre Tauglichkeit als Automobilrennkurs unter Beweis. In diesem Sinn kann man die heute vergessene Rüsselsheimer Opel Rennbahn als erste für den Automobilrennsport konzipierte Strecke Deutschlands, quasi als Mutter des Nürburgrings oder Großmutter des Hockenheimrings bezeichnen.
Mit seinen Steilwandkurven hatte die Bahn
ihre großen Vorbilder in der englischen Brook-
landsbahn oder im amerikanischen Indianapolis. Als deren verkleinertes Abbild geplant, wirkte
die Strecke nicht weniger spektakulär als ihre englischen und amerikanischen Schwestern.
Nach seiner Eröffnung wurde das Betonoval Schauplatz vieler dramatischer Rennen, bei
denen sich bis zu 50.000 Zuschauer am Streckenrand tummelten.
An solchen Renntagen muss die Opel Renn-
bahn eine beeindruckende Atmosphäre
geboten haben. Im weiten Umkreis der
Rennbahn waren Werbetafeln aufgestellt. Die Bahn brachte mit Sonderzügen die Zuschauer-
massen nach Rüsselsheim. Auf den Park-
plätzen scharten sich die damals noch dünn gesäten Automobile und Motorräder. Dicht drängten sich die Zuschauer auf Tribüne oder
am Fahrbahnrand in der Mitte des Ovals. Ein buntes Treiben mit Verkaufsständen, Wurst-
buden, Souvenirverkäufern, Honoratioren der Automobilclubs und Motorsportprominenz.
Oft war auch „Seine Königliche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen“ unter den Zuschauern.
Veranstalter der Renntage waren die Automobilclubs der Region, FAC (Frankfurter Automobil Club), HAC (Hessischer Automobil Club) oder WAC (Wiesbadener Automobil Club), die üblicherweise ein Frühjahrs- und ein Herbstrennen ausrichteten.
Die Konkurrenzen waren für Autos und Motorräder ausgeschrieben. Das Starterfeld wurde in verschie-
dene Leistungsklassen gegliedert, die man in mehreren Einzelrennen in Gruppen von etwa 4 bis 8 Fahr-
zeugen gegeneinander antreten lies. Die Motorräder gingen hingegen üblicherweise in großen Gruppen mit „fliegendem Start“ in das Rennen.
Besonders die Autorennen zogen die Zu-
schauer in Ihren Bann. Lokalmatador Opel
lieferte sich spannende Kämpfe mit anderen, heute längst vergessenen Hessischen Auto-
herstellern. Wem ist heutzutage noch Adler
aus Frankfurt, HAG und FAFAG aus Darmstadt oder FALCON aus Ober-Ramstadt ein Begriff. Aus Mainz brachten die - heute selbst Auto-
mobilfachleuten kaum noch bekannten
- Garbaty-Werke ihre Sportwagen an den
Start. Diese Hersteller traten neben anderen nationalen und internationalen Automarken
wie Benz, Horch, Fiat, NSU, Minerva oder Stoewer in Erscheinung und sorgten für spek-
takuläre Rennverläufe!
In einem Bericht über das Frühjahrsrennen auf
der Opel Rennbahn am 31. Mai 1925 ist in der Hauszeitschrift des Frankfurter Automobil Clubs
im Heft 3, Juni 1925 zu lesen:
„Wer einmal die Opelbahnrennen mitgemacht hat, kommt immer wieder, dem eigentümlichen Zauber dieser größten Veranstaltung kann
sich niemand entziehen. Mag manchmal auf
der Bahn selbst auch die Vielfalt der Veran-
staltungen ermüden, die sportliche Spannung wird immer wieder neu angeregt uns zum
Schluß nimmt man die Erinnerung an einen erlebnisstarken, ereignisreichen Tag mit, dem man vielleicht: - in Stunden zusammengeballt - ein Abbild unserer Zeit sehen könnte mit ihren Menschenmassen, ihrer Reklame und dem harten Ringen um Erfolg.“
Der Ruf Deutschlands populärste Autorennstrecke zu
sein wurde der Opel Rennbahn jedoch bald von der 1921 eröffneten AVUS und ab 1927 durch den Nürburgring abgelaufen. Und Anfang der 30er Jahre wurde der Renn-
betrieb in Rüsselsheim endgültig eingestellt. Nur ab und
zu rumpelten noch ein paar Opel-Einfahrer mit Neuwagen über die rissige Betondecke. 1949 wurden dann die bau-
fälligen Holztribünen abgerissen. Schließlich verfiel die Strecke immer mehr, Bäume und Gestrüpp überwucherten das weite Gelände.
Die beliebte Rennstrecke wurde ganz einfach von Zeit
und Technik überholt. Dem rasend fortschreitenden
Wandel der Automobilentwicklung konnte das Rüssels-
heimer Mini-Indianapolis nicht mehr folgen.
Die große Zeit der Opel Rennbahn war in den 20er Jahren. Doch auch schon in dieser Zeit stießen die Wettbewerbs-
fahrzeuge an die Grenzen der Betonbahn. Die Rennstrecke erlaubte Spitzengeschwindigkeiten von nur etwa 140 bis
150 km/h. Bald waren Rennfahrzeuge, Autos oder auch Motorräder viel zu schnell für das Betonoval. Als 1934 die
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Fritz von Opel in den Steilkurven |
Heute liegt die alte Strecke, ein Teil der Historie
der Adam Opel AG, vergessen unter Gebüsch,
Gras, Laub und Erde, in einem Waldstück nahe Rüsselsheim. Hier fuhren Kurt C. Volkhart und
Fritz von Opel ihre ersten Versuche mit dem Raketenwagen RAK 1, an Renntagen dröhnten
hier die Wagen mit von 140 km/h durch die Steil-
kurven und das Publikum tobte. Rennsportpro-
minenz wie Rudolf Caracciola, August Mom-
berger, Lokalmatadore Carl Jörns, Fritz von Opel, Otto Heinrich Graf Hagenburg oder Harry Stumpf-
Lekisch zeigten ihre Fahrkünste.

Dort wo Opel 1924 stolz eine Tagesproduktion
„Laubfrösche“ den staunenden Zuschauern
zeigte, wuchern heute Heidelbeeren, Pilze und
Moos. Die zerstörten Fundamente des Zeitneh-
merhäuschens liegen verwittert und kaum noch
erkennbar irgendwo im Wald. Die Zuschauer-
ränge haben sich Karnickel, Reh und Eichelhäher
zurückerobert und über den ehemaligen Bereich
der Start und Zieltribüne donnert der Verkehr der
Landstraße. Kaum einer der vorbeirasenden
Auto- und Motorradfahrer scheint zu ahnen welch
automobilhistorisch interessanten Bereich er
tangiert.
Wenig ist aus der „großen Rennsportzeit“ geblieben: Erinnerungen bei einigen wenigen Zeitzeugen, vergilbte Fotos, Zeitungsberichte und unvollständige Starterlisten. Das in Deutschland einmalige technische Denkmal vergeht derweil unbeachtet im Wald! Immerhin informiert inzwischen das eine oder andere Hinweisschild über die Bedeutung der noch gut erkennbaren Betonsteilkurven!
Obwohl heute Wasserschutzgebiet, wäre es doch wohl gerade für Opel. oder auch die Stadt Rüsselsheim, eine Herausforderung weitreichender auf dieses Thema einzugehen – und wenn man nur einen kleinen Abschnitt der alten Betondecke zur Erinnerung an ein bedeutendes Kapitel der deutschen Technikgeschichte freilegt.
Die alte Opel Rennbahn ist ein echtes Stück „Opel Live“. Für dieses gescheiterte Prestigeobjekt konnte
Opel Millionen in den Sand setzen. Die falschen Berater und der mangelndes Wissen – vielleicht machen
es Verantwortliche in Zukunft besser.

